Wie die Bundesrepublik akzeptierte, was nicht beabsichtigt war

Keine westdeutsche Partei, kein Politiker sprach sich aktiv gegen eine Wiedervereinigung aus. Der Grund dafür lag vor allem im Vorwort des deutschen Grundgesetzes,  welches besagte, dass Wiedervereinigung und Frieden durch „Selbstbestimmung“ entstehen sollten. In öffentlichen Meinungsumfragen zwischen 1973 und 1988 sagten 69-77% der Befragten aus, dass diese Klausel bezüglich der Wiedervereinigung bestehen bleiben müsse.


 


Als jedoch im November 1989 die Berliner Mauer fiel, waren der Wille und das Verlangen nach einer Wiedervereinigung auf westlicher Seite recht schwach. Die meisten Bürger hatten sich damit abgefunden, dass die Wiedervereinigung irgendwann in der Zukunft möglich sei. Für manche war es aber auch ein Tabuthema, da in der deutschen Gesellschaft solche Äußerungen häufig in Verbindung mit einer nationalistischen Einstellung gebracht wurden und man gerade dadurch die Wiedervereinigung verhindern würde. Nach dem Mauerfall zeigte sich deutlich, dass die Mehrheit der Westdeutschen eine Art verwandtschaftliches Verhältnis zu den Ostdeutschen zeigte. Aber es waren nicht so viele, die den Mauerfall wirklich begrüßten. Viele fürchteten, dass die Wiedervereinigung vielleicht auch das stabile Sozialsystem gefährden könnte.


 


Politiker während der Teilung


 


40 Jahre nachdem die jeweiligen Regierungen in Ost und West etabliert wurden, bestand das System des Kalten Krieges noch immer weiter fort, und viele nahmen an, dass die Chancen auf eine Wiedervereinigung recht schwach seien. Es gab nicht viele, die die Wiedervereinigung für realisierbar hielten, geschweige denn für ein plausibles, politisches Ziel. Die CDU und die SPD verfolgten genau den gleichen Gedankengang. Zwar betonte die CDU die Klausel zur Wiedervereinigung, sah aber eine Wiedervereinigung nicht als ein realistisches „Endspiel“. Die SPD stritt zwar nicht ab, dass eine Wiedervereinigung  ein begehrenswertes Ziel sei, aber schloss aus, dass dies in näherer Zukunft überhaupt möglich sei. Die SPD sah eine „friedliche Verwaltung“ des geteilten Deutschlands als erste Priorität. Sie legte hohen Wert auf Austausch und Kooperation mit Ostdeutschland und vermied auch Kontakt mit ostdeutschen Dissidenten, um mit der Spitze des kommunistischen Regimes ein besseres Verhältnis knüpfen zu können.


 


Haltung der Bürger während der Teilung


 


Auch Intellektuelle hatten eher weniger Interesse an einer Wiedervereinigung. Der bekannte Philosoph Karl Jaspers sorgte für Unruhen, als er 1960 behauptete, dass der Frieden in Ostdeutschland und die Integration mit Westeuropa viel wichtiger seien als die deutsche Wiedervereinigung. Linke Intellektuelle sagten, dass die Teilung ein natürliches Ergebnis der Naziverbrechen war und dass die Wiedervereinigung auf keinen Fall so wichtig sei wie der Weltfrieden. Andere Intellektuelle wie Günter Grass, die an dem Traum einer sozialistischen Utopie festhielten, setzten die Kooperation der U.S.-Staaten mit Westeuropa mit der sowjetischen repressiven Dominanz über Osteuropa gleich.  Die Personen, die auf der Seite Ostdeutschlands waren, vertraten wenigstens noch die Meinung, dass sie eine „humanere Gesellschaft“ sei.


 


Die meisten Bürger waren nicht gerade anderer Meinung. Umfragen hatten ergeben, dass rund 80% Hoffnung auf eine Wiedervereinigung hatten. Die Zahl derjenigen, die der Wiedervereinigung eher kritisch gegenüberstanden, ließ von 1964 mit 45% bis 1988 um 0.5% ab. Darüber hinaus glaubten nur 3% der Befragten wirklich an eine mögliche Wiedervereinigung. Sahen 1970 noch 68% der Westdeutschen Ostdeutsche als Landsleute, waren es 1987 nur noch 52%. 1987 sahen 40% der zwischen 16- und 29-Jährigen Ostdeutsche eher verwandt mit Österreichern, und nur noch 39% betrachteten sie als Landsleute.


 


Einstellung am Rande der Wiedervereinigung               


 


Als die Berliner Mauer fiel, feierten die Menschen in Westdeutschland. Aber bereits ein paar Wochen später war diese Freude nicht mehr spürbar. Die meisten Westdeutschen hielten eine Wiedervereinigung nicht als notwendig oder wichtig, und nur die Hälfte von ihnen konnte sich mit der Parole „Wir sind das Volk“ an den Montagsdemos in Leipzig anfreunden.


 


Nicht zuletzt wegen der Naziverbrechen in der Vergangenheit wurden viele Bürger darüber unterrichtet, dass Frieden und europäische Integrität wichtiger sei als die Wiedervereinigung Deutschlands. Einige Intellektuelle waren gegen die Wiedervereinigung, da sie annahmen, dass Deutschland, wie im Dritten Reich, wieder Verbrechen begehen könne und dass umliegende Länder Deutschland fürchten müssten. Bürger selbst befürchteten einen Ansturm von Ostdeutschen in den Westen, und dass die Kosten der Wiedervereinigung auch das Sozialsystem destabilisieren würde.


 


Trotzdem ist das kommunistische Regime gefallen und die Wiedervereinigung wurde ein Phänomen. Bürger in Westdeutschland bezeichneten dies als unausweichlich. Sie glaubten an das Versprechen der Politiker, dass dabei „niemand verlieren wird.“ Die Worte Willy Brandts sprachen dabei für die Mehrheit der Westdeutschen: „Es wächst zusammen, was zusammen gehört.“

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